30 Tage auf dem Motorrad unterwegs

Am 15. Oktober 2017 fuhr ich mit meinem Kumpel Hubert nach Bedburg um eine Honda Transalp zu kaufen.

 

Am 13. November brach ich mit eben jener Transalp nach Südeuropa auf um Fahrpraxis zu sammeln, denn bis zu diesem Zeitpunkt ging ich immer noch davon aus ab Mai 2018 mit zwei anderen Kradfahrern nach Asien aufzubrechen.
Der Start in Sankt Augustin – oder besser gesagt in Deutschland – war alles andere als inspirierend. Im November ist’s eben kalt und ungemütlich. Meine erste Etappe führte mich nach Saarbrücken, durch Eifel und Hunsrück. Beides Gegenden, die im Sommer mit Motorradfahrern überfüllt sind. Jetzt war ich allein auf weiter Flur. Die Dörfer, die ich durchfuhr schienen verrammelt und vernagelt zu sein. Keine Menschenseele. Außerhalb der Dörfer grandiose Natur: tolle Ausblicke in nebelvolle Täler, immer noch die letzten farbenfrohen Laubbäume, viele Rehe und besonders auffällig: ganz viele Raubvögel. Das Auge genoss – die Finger nicht, denn diese wurden von Kilometer zu Kilometer kälter. Als ich dann in Hermeskeil (Hunsrück) ankam bemerkte ich, dass es recht dunkel geworden war. Nun dachte ich, okay, Wolken waren aufgezogen und es begann etwas regnen. Beiläufig schaute ich auf die Uhr und erschrank. es war bereits 17:00 Uhr. Kein Wunder, dass es dunkelte. Und ich hatte für heute mich für heute 17h bei meinen Couchsurfer-Gastgebern Fabian und Jannik angemeldet. Jetzt hieß es sich zu sputen. Ab auf die Autobahn und die letzten 70 km abarbeiten. Jedoch war dies alles andere als fun: Regen, Dunkelheit, LKWs ohne Ende, Seitenwind, Baustellen. Ich war heilfroh als ich endlich ankam und dort 2 erholsame Tage und Nächte verbringen durfte.

An einem frostigen und nebligen Morgen ging’s dann weiter, hinein nach Frankreich. Nancy, Dijon, Macon, Lyon – das waren die ersten vier Etappenziele. Ziemlich rasch erfuhr ich, was es heißt mit dem Motorrad unterwegs zu sein. Nach spätestens 100km war es absolut notwendig eine Auftaupause einzulegen. Nie zuvor war ich für eine heiße Tasse Kaffee oder Tee so dankbar. Ich glaube, man sah es mir an, denn wo immer ich einkehrte man betrachtete mich mit Mitleid und mir schien es, als ob man mir eine besonderes heiße Tasse anbot. Was ich auch ziemlich schnell lernte, dass man eben NICHT das Motorrad eben mal überall abstellen kann. Für so etwas Schweres und Großes bedarf es eines regulären Parkplatzes. Diese Erkenntnis hatte zur Folge, dass preiswerte Hostels in Städten ausschieden und durch Hotels/Motels ersetzt werden mussten. Sehr zum Leidwesen meines Reisebudgets. Und weiter hatte ich ziemlich schnell schlechte Laune, weil ich abends 30kg Gepäck rein und morgens wieder rausschleppen musste. Vorbei der Luxus mit 8-10kg Handgepäck. Ich kam mir vor, als ob ich mit einem Pferd unterwegs sei, welches ich abends abgesattelt und morgens aufgesattelt werden muss. Ziemlich schnell verflog die Illusion des  Easyriders.  Die Leere und das Gefühl des Alleinsein überfällt mich schlagartig in einem Hotelzimmer. Kein Plausch in der Küche eines Hostels oder der Austausch von Erlebnissen im Aufenthaltsraum bei einem Kaffee oder Bier. Stattdessen: Schweigen! Das ist anstrengend – sehr anstrengend. Irgendwann kam ich zu zwei Entschlüssen: erstens, in Alicante ist Schluss und zweitens, bis dahinten lautet das Motto „Durchhalten, Aushalten, Maul halten“.
Inzwischen hatte ich folgendes auf facebook gepostet:
„Mal ne Frage: Hat jemand Lust und Zeit meine TA kurzfristig von Alicante nach Deutschland zu überführen? Flug nach Alicante (man müsste schauen, was preislich akzeptabel ist), sowie Sprit würde ich übernehmen. Winterkleidung (Größe 52/54) steht zur Verfügung. TA hat Seitenkoffer und Topcase. Helm muss mitgebracht werden. Details gerne per PN.“

Keine 10 Minuten später hat sich Tobias gemeldet und sich bereit erklärt, dies für mich zu erledigen. Nachdem die damit verbundenen und notwendigen Modalitäten geklärt waren, traf er am 8. Dezember in Alicante ein. Nach drei netten gemeinsamen Tagen vor Ort machte er sich dann am 11.12. auf den langen Weg zurück nach Deutschland. Anfangs war noch eitel Sonnenschein angesagt, aber ab Avignon wurde es mit jedem Kilometer nordwärts ungemütlicher. anfangs Regen, Wind und fallende Temperaturen, ab Lyon kam dann der Schnee hinzu.

Am 14.12. kam dann die Nachricht: „Endlich in Stuttgart, jetzt erstmal auftauen!“ Obwohl ich Tobias Geld für Übernachtung und Verpflegung mitgab, zog er es vor lieber wild zu campen. Für mich schwer nachvollziehbar, aber es soll ja solche harten Männer geben. Offensichtlich ist er einer von ihnen.

Das Thema „Motorrad“ gehört für mich nun weitestgehend der Vergangenheit an. Im Laufe der kommenden Wochen wird dieses und ein Teil meiner Ausrüstung den Besitzer wechseln.  Für mich bedeutet dies, dass ich wieder frei leben kann, bar eines 200kg schweren Klotzes am Bein. Stattdessen mit 10kg Handgepäck ins Flugzeug, in die Bahn oder den Bus. Wieder unter Menschen, frei jederzeit Reisen zu planen woimmer es mich gerade hinzieht. Nein, definitiv Nein, ich bedauere nichts. Weder die Erfahrung mit dem Motorrad an sich, noch die Reise nach Alicante damit. Vielmehr bin ich dankbar dafür jetzt zu wissen, dass diese Art des Reisens nicht zu mir gehört. Und, ich habe nach wie vor die Option vor Ort ein Motorrad mieten zu können. Den Führerschein habe ich ja. Nach gehabtem Spass wird’s wieder abgegeben. Was dann bleibt sind die guten und nicht die quälenden Erinnerungen.