Maramures

Holzkirche von Surdesti (Region Maramures), 3.10.15

Nur 20 km von Baia Mare entfernt steht in Surdesti eine der wertvollsten und schönsten Holzkirchen der Region Maramures. Sie ist zugleich die höchste alte Holzkirche Europas, manche sagen sogar, der Welt. Allein der Turm ist 54 m, insgesamt ist die zierliche Kirche aber stolze 72 m hoch. Sie wird von einem idyllischen kleinen Friedhof umgeben.

Bei meiner Ankunft auf dem Parkplatz begrüßte mich ein junger Mann in einem hervorragenden Englisch. Meine Vermutung: Er wird sicher aus Neuseeland oder Australien kommen. Er erkundigte sich, ob ich wüßte, wann die Kirche denn geöffnet sei, denn er stand vor verschlossener Tür. Mein Reiseführer nannte die Telefonnummer eines gewissen (ein weing Englisch sprechenden) Pfarrers Marius Tomos. Dort angerufen, wurde das Gespräch jedoch wortlos beendet. Nach diversen weiteren Versuchen der Kontaktaufnahme schallte einem schließlich die angestrengte und säuerliche Stimme einer rumänisch sprechenden Frau entgegen. Kurze Zeit später fuhr ein weiteres Auto vor, dem u.a. ein Ehepaar mit einem englisch/rumänisch sprechenden Mann entstieg. Dieses Ehepaar wohnte, wie  sich herausstellte, in der Pension, wo der Schlüssel zur Kirche verwahrte wurde. In Begleitung befand sich eine ziemlich düster dreinblickende Frau mit eben jenem Schlüssel.

Durch den nachträglich angebrachten Vorraum betritt man die Kirche. Der Hauptraum ist mit zahlreichen Bibelszenen ausgemalt. Sie stammen von 1783. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Malereien nicht auf Holz, sondern auf Leinwand aufgetragen wurden.

Eigentlich wollte ich an diesem Tag noch weiterfahren, nach Sapanta. Die Zeit war aber inzwischen weit fortgeschritten, so dass ich beschloss in Vadu Izei zu übernachten. Hier entschloss ich mich in der netten kleinen 2-Sterne-Pension ‚Lavita‘ zu bleiben. Sie bot alles, was ich brauchte. Ein Bett, eine Dusche und WiFi. Darüber hinaus war mir die Wirtin von Anfang sehr sympatisch. Sie begrüßte mich mit einer Herzlicheit, als würden wir uns schon ewig kennen. Kaum angekommen lud sie mich zu dem traditionellen Begrüßungs-Palinka ein. Und so saßen wir da, in diesem traditionell ausgeschmückten Wohnzimmer. Sogleich holte die Wirtin allerlei Prospekte, Broschüren, Bücher, Landkarten raus, um mir die Schönheiten der Maramures nahe zu bringen. Anschließend wurde ich noch auf dem Hof herumgeführt, den zugleich handelte sich hier um einen kleinen Bauernhof, mit Hühnern, Schafen, Katzen und zwei allerliebsten Hunden. Der Eintritt in die Maramures war also ein voller Erfolg. Am Abend bemerkte ich, dass ich nicht der einzige Gast im Haus bleiben sollte.

Am nächsten Morgen setzte ich mich zum Frühstück in jenes Wohnzimmer und staunte nicht schlecht jenen jungen Mann wiederzusehen, der mich an der Holzkirche in Surdessti angesprochen hatte. Ohne von einander zu wissen, haben wir in der gleichen Pension übernachtet. Im Gespräch stellte sich übrigens heraus, dass er nicht aus Neuseeland oder Australien kam, sondern Kroate war. Wie man sich täuschen kann!


Kloster von Barsana (Region Maramures), 4.10.15

Auf dem Weg nach Sapanta kommt man durch das 20km (!) lange Dorf Barsana. Am Ende befindet sich die spektakuläre und wunderschöne Klosteranlage ‚Hl. 12 Apostel‘. Das orthodoxe Nonnenkloster befindet sich in einem liebevoll angelegten Garten. Ein kleine Holzbrücke führt über einen Teich, bunte Blüten, Obstbäumchen und Weiden säumen steinerne Alleen. Wirtschaftsgebäude mit Fassaden voller Blumen. Die Holzkirche ist beachtliche 57 m hoch. Am Sommeraltar im Freien werden bei gutem Wetter (…und es war gutes Wetter!) Gottesdienste abgehalten. Schon von weitem schallte einem glockenklarer Gesang entgegen. Ich dachte, dass es sich hier um eine CD handelt. Aber nein, es handelte sich um die fantastische, einem direkt ans Herz gehende Stimme einer Nonne, die vor jenem Sommeraltar sang.

Das Kloster wurde an der Stelle eines Vorgängerbaus errichtet, der Ende des 13. oder Anfang des 14. Jh. entstand und 1791 teilweise zerstört wurde. Nach der 1989er Wende fiel die Entscheidung das alte Klosterleben in neuer Form wieder zu beleben. 1993 wurde der Grundstein für den sehr malerischen Klosterkomplex gelegt, den örtliche Handwerker im traditionellen Stil, aus Eichenholz und Flusssteinen, errichteten.


Sapanta, Fröhlicher Friedhof (Region Maramues), 4.10.15

Einmalig in seiner Fröhlichkeit – und in seinem unbeschwerten Umgang mit dem Tod – ist der Fröhliche Friedhof von Sapanta. Zu Recht, denn die Verse, die jedes Kreuz zieren und über das Leben des Toten berichten, spühen vor Weisheit und Witz, sind traurig, lustig oder bissig und rechnen manchmal sogar mit dem Toten unverblühmt ab. Meist in der Ich-Form berichtet der Tote den Besuchern an seinem Grab von seinem Leben: beichtet seine Untreue oder macht eine letzte Liebeserklärung, erzählt von seinem Beruf, gesteht, dass er mal zu tief ins Glas geschaut hat, dankt seinen Lieben oder bittet sie um Verzeihung.

Als Beispiel dient ein giftiges Gedicht über eine Schwiegermutter, geschrieben von der geplagten Schwiegertochter. Im Original reimt sich das Gedicht, in der Übersetzung vermittelt das Gedicht nur einen kleinen Eindruck:

„Ode“ an die Schwiegermutter
Unter diesem schweren Kreuze
Ruht meine Schwiegermutter.
Hätt sie nur drei Tage noch gelebt
läge ich da, und sie läse das.
Ihr, die ihr hier vorübergeht,
versucht sie nicht zu wecken,
denn kommt sie wieder,
macht sie mich weiter nieder.
Ich werde mich so benehmen,
dass sie nicht wird zurückkehren.
Liebe Schwiegermutter, bleib bloß da liegen!
Denen, die das hier lesen,
soll es mal besser ergehen.
Eine gute Schwiegermutter mögen sie finden
und eine glückliche Zeit mit ihr verbringen

Untermalt sind diese Verse mit leuchtende, ins Holz geschnitzten Bauernbildern aus dem prallen Leben. Frauen beim Spinnen, Weben, Kühe melken, Bauern bei der Arbeit oder beim Feiern. Diese blauen Holzkreuze gehören zu den Highlights der Maramures.

Die Tradition geht auf die Daker zurück, die den Tod nicht als bedauernswerten Endpunkt sahen, sondern als Übergang zu einem neuen Leben und Chance, ihrem Gott Zamolxe zu begegnen. Die meisten der rund 800 Holzkreuze hat der Dorfkünstler Stan Ion Patras (1908-1977) ab 1935 geschnitzt. Ein Restaurator sorgt dafür, dass die Kreuze nicht verblassen.

Die Friedhofskirche wird gerade restauriert und erweitert. Während der Bauarbeiten steht die Kirchenglocke unten auf dem Friedhof.


Moisei – Kloster ‚Schwarze Quelle‘ (Region Maramures), 5.10.15

Mein nächstes Ziel war Viseu de Sus, um dort eine Fahrt mit der legendären Schmalspur-Waldbahn zu machen. Bis zum nächsten Fahrttermin mußte ich noch zwei Tage warten. Zeit, um mir das kleine Kloster aus dem 17. Jh. des Ortes Moisei anzusehen.


Viseu de Sus (Oberwischau), Schmalspur-Waldbahn (Region Maramures), 6.10.15

Touristenmagnet ist hier die dampflokbetriebene Schmalspur-Waldbahn (760mm Spurweite).

Der Ort wurde erstmal 1362 erwähnt. Im 18. Jahrhundert wanderten hier die Zipser ein, eine deutschsprachige Volksgruppe aus Zips (heute Slowakei, früher Ungarn). Die Einwanderer waren Waldarbeiter, die auch hier ihrer Tätigkeit nachgingen, was bei dem Waldreichtum der Region nahe lag. Sie begannen das Holz zu schlagen und es per Floss in die Sägewerke von Oberwischau zu transportierten.

Das änderte sich 1932 mit dem Bau der Schmalpur-Waldbahn. Waldbahnen waren damals in Europa weit verbreitet, besonders im Karpatenraum. Mit dem aufkommenden Straßentransport der 50er und 60er Jahre verschwanden die Waldbahnen in Europa zusehends. Nicht so im wirtschaftlich rückständigen Rumänien: noch 1970 existierten hier gut 3600 km Waldbahnstrecken und bis 1986 (!) wurden sogar noch neue Dampflokomotiven gebaut. Ende der 80er Jahre gab es noch immer 15 Waldbahnen mit einem Streckennetz von rund 100 km.

Heute ist die Bahn eine der letzten ihrer Art in Rumänien. Vor einigen Jahren fuhren Touristen bei den Holztransporten mit. Heute ist die Dampflok-Bahn ein reines Touristenvergnügen. Die Strecke, die die ‚Arbeitsbahn‘ für Holztransporte zurücklegt, ist 43 km lang. Die Touristenroute dagegen endet an der Station Paltin (km 21,6), dann rattert die Nostalgie-Bahn wieder zurück. Im regelmäßigen Einsatz für Touristen sind drei Dampfloks. Die Bahn führt kurvenreich entlang des Flusses Viseu in ein wildromantisches Karpatental. Sie erschließt dabei ein riesiges Waldgebiet, wo weder Straßen noch Dörfer existieren, dafür aber Bär und Wolf heimisch sind. Mittlerweile kann man nicht nur mit dem Zug fahren, sondern auch in einem Hotelzug übernachten und im Speisewagen essen.
Weitere Infos unter: www.wassertalbahn.com und www.cffviseu.com

Und hier ein TV-Beitrag (ARTE vom 15.12.2014). Der Film befindet sich auf meiner Dropbox, d.h. beim Anklicken des Links wird man zu diesem Account verbunden. Der eigentliche Film beginnt erst bei Minute 07:59 und endet bei Minute 51:01, Gesamtlaufzeit des Films also gut 43 Minuten. Der Film handelt über die ‚Arbeits-Waldbahn‘, es geht also nicht um den touristischen Aspekt.


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