Pisa

Von Florenz aus ist es mit dem Zug kein Aufwand eben mal nach Pisa zu reisen. Das One-way-ticket kostet 8,40€ und die Fahrt dauert 1 Stunde. Man kann dies also durchaus als Tagesausflug machen. Das gleiche gilt übrigens auch für Siena. Da ich meine Gastgeberin Gabriella nicht unnötig lange belagern wollte, habe ich meinen Schwerpunkt auf Pisa gelegt.

Um es vorweg zu sagen: Pisa hat man schnell abgehakt, denn die Stadt verdankt ihre Berühmtheit einem einzigen Bauwerk: dem schiefen Turm, der den großartigen Domplatz, dem „Platz der Wunder“ – Piazza dei Miracoli (erinnert mich irgendwie an Spaghettisoße) überragt.

Zwar ist Pisa auch eine der bedeutendsten Universitätsstädte Italiens, aber das war’s dann auch schon. Vom Bahnhof läuft man ca. 20-30 Minuten bis zum Domplatz – mitten durch die Stadt und über den Arno. Da ist nicht wirklich etwas, was einen aus den Schuhen haut. Rund um den Domplatz herrscht aber das übliche Touristenleben. Allerorten werden Souveniers verkauft und Restaurant reiht sich neben Eisdiele. Und, fast alle Japaner und Chinesen versuchen in verrengten Posen den schiefen Turm auf ihren Selfies zu stützen.

Der Domplatz ist aber wirklich schön, denn Dom, Turm und Baptisterium erheben sich sozusagen auf der grünen Wiese. Die einheitliche weiße Marmorverkleidung unterstreicht die Einzigartigkeit der Piazza.

Den Campanile begann Baumeister Bonanno Pisano 1173. Bereits während des Baus neigte sich der Turm – und wurde prompt berühmt. Der Baumeister Giovanni di Simone wagte 1275 den Weiterbau und korrigierte die Schieflage, indem er die höheren Stockwerke jeweils wieder ins Lot setzte. Doch der Turm wurde über die Jahrhunderte immer schiefer.

Der Grund für seine Schieflage liegt in dem Untergrund aus lehmigem Morast und Sand, der sich unter dem Gewicht verformt. Neuesten Ausgrabungen zufolge steht er am Rand einer ehemaligen Insel direkt neben einem antiken, zur Bauzeit bereits versandeten Hafenbecken.

Bei der 1990 gestarteten Rettungsaktion legte man dem Turm Stahlringe um, an denen zwei straff gespannte Stahlseile zogen, trug unterirdisch Erdreich ab und befestigte schwere Bleigewichte. Damit hat man die Neigung der letzten 200 Jahre „begradigt“. Die Schieflage des Turms beträgt nach Ende der Sanierungsarbeiten rund vier Grad, entsprechend einer Auslenkung an der Spitze von 3,9 m (bei rund 55,8 m Höhe). Im Inneren des Turmes hängt ein Pendel, welches oben in der Mitte befestigt ist, durch die Schieflage unten allerdings beinahe die Seitenwand berührt.

Der 55 Meter hohe und 12 Meter durchmessende Campanile besteht aus 14.200 Tonnen weißen Carrara-Marmors und hat sieben Glocken, die aber längere Zeit wegen der Einsturzgefahr nicht läuten durften. Er sollte der Höhepunkt der ganzen Anlage der Piazza dei Miracoli sein. Er unterscheidet sich von den üblichen quadratischen Türmen Mittelitaliens und steht in einem großen Gegensatz zu den spitz zulaufenden Türmen des nördlichen Europa. Er ruht auf einem spiralförmigen Fundament aus 700 m³ Bruchstein und Mörtel. Der Mauerring um diesen Bereich herum ist 3,57 Meter dick. Neben dem Eingang sind Monat und Jahr des Baubeginns eingemeißelt: August 1173. In Urkunden wird jedoch stets 1174 genannt, denn für die Pisaner begann nach damaligem Kalender das neue Jahr bereits am 25. März.

Der Campanile hatte – außer dass er die Glocken tragen sollte – noch eine andere Funktion. Bei äußerer Gefahr flüchtete damals der Klerus in den Turm. Maueröffnungen und -vorsprünge im Zylinderschacht machten es möglich, bei Bedarf in jedem Stockwerk Gebälk und Fußböden einzuziehen.

Jedes Stockwerk hat eine Tür hinaus auf die Säulengalerie, die jeweils aus 30 Säulen besteht. Auf der Südseite führen oben sechs Stufen zur Glockenstube hinauf, auf der Nordseite nur vier.

Nach den o.g. 13-jährigen Sanierungsmaßnahmen ist er seit Dezember 2001 wieder für Touristen geöffnet. Besuchergruppen können den Turm zu jeder vollen und halben Stunde in Gruppen von maximal 40 Besuchern für eine Dauer von 30 Minuten besteigen. Der Preis: stolze 15,00 €!

Im Jahre 1987 wurde das Ensemble aus dem Turm, dem Dom, dem Baptisterium und dem Friedhof von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.

Übrigens, der Legende nach hat der aus Pisa stammende Galileo Galilei bei Versuchen auf dem Turm die Fallgesetze entdeckt.


Der Dom Santa Maria Assunta ist die Kathedrale des Erzbistums Pisa.  Trotz einer Bauzeit von über 200 Jahren wurde durch den gleichbleibenden Baustoff Carrara-Marmor und die einheitliche Fassadengestaltung ein zusammenhängendes Bild geschaffen. Papst Gelasius II. weihte 1118 den damals noch unvollendeten Dom ein.

Buscheto di Giovanni Giudice begann mit dem Bau des Doms im Jahre 1063 auf dem Schwemmboden vor der alten Stadtmauer. Finanziert wurde das Bauwerk mit den im gleichen Jahr von den Sarazenen vor Palermo eroberten Schätzen. Durch den weichen Untergrund sank auch der Dom im Osten leicht ein. Die kreuzförmige Grundfläche des Doms war zu diesem Zeitpunkt in Italien neu. Über der Vierung der fünfschiffigen Basilika mit dem dreischiffigen Querhaus erhebt sich eine elliptische Kuppel mit einem oktogonalen Ansatz. Sie wurde erst 1380 durch Lupo di Gante und Puccio di Gadduccio im gotischen Stil nachträglich hinzugefügt.

Die Fassade wurde am Ende des 12. Jahrhunderts von Rainaldo geschaffen und wurde als Pisaner Romanik in der gesamten Toskana zum Vorbild. Bei der westlichen Fassade erheben sich über den sieben Blendarkaden im Erdgeschoss mit seinen drei Toren weitere vier Loggien mit 52 Säulen. Sie geben den Blick auf die dahinterliegende farbige Marmorwand frei. Auf dem Giebel der 35,5 m breiten und 34,2 m hohen Fassade steht eine Statue der  Madonna mit Kind von Andrea Pisano. An ihrer Seite stehen Engel, die zusammen mit den beiden Evangelisten auf der ersten Loggia durch Schüler von Giovanni Pisano entstanden.

Die drei Bronzetore aus dem 17. Jahrhundert ersetzen die von Bonanno Pisano geschaffenen Tore von 1180, die bei einem schweren Feuer 1595 zerstört wurden. Diese neuen Tore mit umfangreichen Reliefszenen wurden durch die Schüler Francavilla, Mocchi und Tacca in Anlehnung an das alte Vorbild gegossen. Am südlichen Seitenschiff findet man das Portal Porta di San Ranieri, das dem Campanile zugewandt ist und den Besuchern den Eintritt zum Dom ermöglicht.

Dominant ist die Doppelsäulenreihe in der Mitte des Gebäudes, die aus massiven Granitsäulen besteht, mit Kapitellabschlüssen. Darüber befinden sich abwechselnd schwarz weiße byzantinische Arkaden, die stark an eine Moschee erinnern.

Die Kanzel ist ein Werk von Giovanni Pisano, entstanden in der Zeit von 1302 bis 1311. Die Kanzel ist sechseckig und ruht auf 11 Stützen. Auf der Basis der Mittelstützen befinden sich Allegorien der sieben Artes liberales und die drei christlichen Tugenden. Zwei der Außenstützen sind auf Löwen ruhende Säulen, zwei weitere Stützen sind viereckig, eine trägt den Erzengel Michael, die andere den antiken Helden Hercules. Die übrigen tragen Allegorien der Ecclesia, die vier Kardinaltugenden und die vier Evangelisten. Die neun bilderreichen Reliefplatten werden jeweils durch Propheten- und Heiligenfiguren untergliedert und von einem reich verzierten Gesims zusammengefasst. Dem Gesims liegt ein Lesepult in Gestalt eines Adlers mit ausgebreiteten Flügeln auf.

Das Mosaik in der Apsiskalotte wurde von Francesco di Simone begonnen und 1302 von Cimabue vollendet. Dargestellt ist der Thronende Christus in Gesellschaft von Maria und Johannes. Die Apsis ist vollständig mit Fresken von Beccafumi, Sogliano und Sodoma ausgemalt. Über dem Hochaltar hängt ein Bronzekruzifix von Giambologna, dekoriert ist er mit sechs Engeln, die Kandelaber tragen.


Das Baptisterium ist die Taufkirche des Doms. Das freistehende Gebäude wurde 1152 von Diotisalvi als Ergänzung zum Dom im romanischen Stil auf kreisförmigem Grundriss nach dem Vorbild der Anastasis Rotunde des Heiligen Grabes in Jerusalem begonnen. Der Bau hat innen einen zweigeschossigen Stützenkranz aus 12 Pfeilern und Säulen, der einen kreuzgratgewölbten Umgang vom Mittelbereich unter der Innenkuppel trennt. Nach einem finanziell bedingten Baustopp am Ende des 12. Jahrhunderts wurde die Außenverkleidung erst 1260 von Niccolò Pisano und 1277–1284 von Giovanni Pisano fortgeführt. Während die erste Ebene noch dem Stil des Doms angepasst wurde, baute man die zweite Etage mit Blendarkaden im üppigen Stil der Gotik. Die äußere Segmentkuppel, die die Innenkuppel teils überdeckt, wurde erst 1358 von Cellino di Nese und von Zibellinus, einem Baumeister aus Bologna, errichtet. Dabei fügte man dem Bau ein drittes Außengeschoss hinzu. 1394 schloss man die offene Mitte der alten Kegelkuppel mit einem kleinen Gewölbe, was den Bau auf seine heutige Gesamthöhe brachte. Das Baptisterium ist die größte Taufkirche in der christlichen Geschichte. Es ist insgesamt 54 Meter hoch und hat einen Umfang von 107 Meter.

Die heute sichtbaren Kopien der Büsten über den Arkaden stellen Propheten und Apostel dar, deren Originale von Giovanni Pisano erschaffen wurden. Auf der Spitze der Kirche steht eine drei Meter hohe Bronzestatue von Johannes dem Täufer, die am Anfang des 15. Jahrhunderts dort befestigt wurde. Das Hauptportal ist von zwei mit Reliefen verzierten Säulen eingerahmt und gibt die Lebensgeschichte von Johannes dem Täufer wieder.

In der Mitte der Kirche steht ein achteckiges Taufbecken, das von Guido Bigareli da Como 1246 geschaffen wurde. 1929 wurde eine Statue von Johannes dem Täufer durch Italo Griselli hinzugefügt. Die Marmorkanzel im Baptisterium stammt von Nicola Pisano aus der Zeit von 1255 bis 1260. Sieben Säulen tragen das sechseckige Kanzelbecken, in dem das Lesepult von einem Adler getragen wird. Zu sehen sind auch Propheten, die fünf Tugenden und Johannes der Täufer. An der Brüstung der Kanzel befinden sich fünf Reliefs mit den Szenen Geburt Jesu, Anbetung der heiligen drei Könige, Darstellung im Tempel, Kreuzigung und Jüngstes Gericht aus dem Leben Christi.

Über Treppen kann man sowohl auf den Umlauf auf den Emporen als auch unter das Kuppeldach gelangen.

Das Baptisterium hat durch seine zylindrische Bauweise ein besonderes Echoverhalten. Gelegentlich stimmt einer der Wächter mehrere verschiedene Gesangstöne an, die in Kombination miteinander durch das Echo im Gebäude zu einem Klangerlebnis werden.