Tanger

Marokko stand ja sowieso auf meiner Reiseliste, aber in der Zwischenzeit hatte ich den Gedanken doch schon wieder aufgegeben, denn es schien so, dass es zeitlich nicht zu realisieren war. Und dann kam ich nach Tarifa, gerade mal 14 km entfernt von der marokkanischen Küste, die Fähren mehrmals täglich. Also gut, zwei Tage Ausflug in ein mir völlig unbekanntes Land.
Bereits in Malaga las ich im Internet einiges über Marokko im Allgemeinen und über Tanger im Besonderen. Tanger schnitt dabei nicht so wirklich gut ab, eine Stadt, die kaum regiert wird, in der Kriminelle aus allen Ländern dieser Erde ungehindert Zuflucht finden, Polizei, die sich eher zurückhält und rät sich mit den Ganoven gut zu stellen. Was solche Texte in einem bewirken, kann man sich leicht vorstellen.  Nichtsdestotrotz, Bus nach Tarifa, Hostel in Tarifa und Fähre nach Tanger waren gebucht. „Schau’n wir mal“ hieß die Devise, im wahrsten Sinne des Wortes.

In Tarifa im Hostel mit dem tollen Namen ‚La Cocotera‚ angekommen, fand ich eine bunte Truppe von Digitalen Nomaden vor, junge Menschen, die mit der Zeit gehen und die Segnungen der internationalen Vernetzung wahrnehmen, um ihr Geld nicht in einem dunklen stickigen Office (Officeflucht) zu verdienen, sondern den Winter unter der spanischen Sonne auf der Dachterrasse oder am Strand – Laptop, Tablet und/oder Smartphone stets dabei – zu verbringen. Copywriter, Designer, Programmierer oder Internethändler – alles, womit man unterwegs sein Geld verdienen kann ist recht, um  ein anderes Leben zu führen, als man es im konservativen Deutschland gewohnt ist. Und ich denke, diese Form des Geldverdienens wird im Laufe der Zeit immer mehr „normal“ werden. Denn wer kann heute schon sagen, wie es in Deutschland mit seinem Rentensystem weitergehen wird. Junge Menschen haben berechtigterweise kein Vertrauen in ihre Alterssicherung. Warum soll man also sein schwer verdientes Geld in ein System einzahlen, welches nicht vertrauenswürdig ist? Die Alternative: Deutschland verlassen und global an Orten arbeiten, wo es einem gefällt, wo die Sonne scheint, es warm ist, sich mit anderen Globalplayern austauschen……

Meinen großen Rucksack ließ ich für die kommenden zwei Tage im Hostel, da ich ja hierher wieder zurückkehren würde. Mit einem kleinen Tagesrucksack ausgestattet bestieg ich am nächsten Tag die Fähre, welche mich binnen einer Stunde nach Afrika brachte.

Tanger, eine Stadt mit 974.000 Einwohnern. Sie liegt an der nordafrikanischen Küste, etwas westlich der Straße von Gibraltar. Südlich der Stadt befindet sich der Flughafen Tanger-Boukhalef; zwischen Tanger und Ceuta wird Tanger-Med gebaut, ein neuer Containerhafen.

Gegründet wurde Tanger im 5. Jahrhundert v. Chr. von Karthagern. Später geriet die Siedlung Tingis unter römische (siehe auch: Mauretania Tingitana) bzw. byzantinische Herrschaft, bevor sie 702 von den Arabern erobert wurde. 1471 hielten die Portugiesen Einzug, denen 1580 die Spanier und 1661 die Briten folgten – Katharina von Braganza brachte es als Mitgift in die Ehe mit Charles II. ein. Doch schon kurz darauf, 1684, wurde Tanger an Marokko unter den Alawiden übergeben.[1]

In den 1960er- und 70er-Jahren erlebte Tanger einen politischen und ökonomischen Niedergang, jedoch eine zweite literarische Blüte als „Mekka“ von europäischen und amerikanischen Schriftstellern der neu entstandenen Popliteratur. Paul Bowles, Jane Bowles, Tennessee Williams, Jack Kerouac, Muhammad Asad, Truman Capote und William S. Burroughs waren nur einige von ihnen. Aus Deutschland besuchten die Mitglieder der Band Dissidenten die Stadt, sie arbeiteten auch hier. Außer dem Ehepaar Bowles handelt es sich bei den Literaten aber um keine dauerhaften Bewohner der Stadt, sondern um expatriierte Besucher. Diese waren literarisch sehr produktiv, ihre Darstellungen dominieren das Bild Tangers für die Amerikaner und Europäer bis heute. Auch Marokkos wohl berühmtester Schriftsteller, Mohamed Choukri, lebte hier. Er verarbeitete seine Erfahrungen als armer Heranwachsender im Tanger der 50er-Jahre in seinem Roman „Das nackte Brot“ (arabisch „al-Chubs al-hafi“). Später lebten der Multimilliardär Malcolm Forbes, die Schauspielerin Elizabeth Taylor und die Woolworth-Erbin Barbara Hutton in der Stadt. Auch der ehemalige israelische Außenminister Schlomo Ben Ami, die spanische Almodóvarschauspielerin Bibiana Fernández und der französische Sozialistenführer Jean-Luc Mélenchon wurden in Tanger geboren. Heute noch leben bekannte Autoren in der Stadt (z. B. Bernard-Henri Lévy).

Unter der Regentschaft von Hassan II. wurden die Stadt und der Norden Marokkos planmäßig vernachlässigt. Erst mit der Regentschaft von König Mohammed VI. (ab 1999) erlebt Tanger eine neue Blüte. Urbanistische Großprojekte wie etwa die Freilegung der alten Stadtmauern oder die Verlagerung der Hafenfunktionen in den neuen Großhafen Tanger-Med vor den Toren der Stadt, sowie das urbanistische Umbauprogramm Tanger-Métropole, gestalten den Charakter Tangers seit 2010 auf grundlegende Weise neu.

 

Meine Unterkunft im Hotel Bayt Alice sah ursprünglich einen Schlafsaal vor. Für zwei kurze Tage, was sollte ich da groß Ansprüche stellen. Fabienne, meine Gastgeberin, zeigte mir dann ihr Haus – was für ein Haus! – wie aus 1001 Nacht, und ich verliebte ich mich sofort in das Eizelzimmer. Klein, aber mit so viel Liebe dekoriert und die Farben. Hier wollte ich unbedingt die kommenen zwei Tage bleiben. Von der Dachterrasse hatte man einen fantastischen Blick über die Altstadt, hörte all die fremden Geräusche, man sah praktisch den Nachbarn bei ihrem Leben zu, hörte den Muezzin, wie er zum Gebet rief. Und abends blickte man über die erleuchtete Stadt, die vom Vollmond gekrönt wurde.

Noch am gleichen Tag ging es durch die Medina, die Altstadt, von Tanger. All die Beschreibungen, die man so kennt von marrokanischen Gassen, trafen hier zu. Gerüche, verschiendster Art, Händlergeschrei, Farben ohne Ende! Schwer zu beschreiben, was man dabei fühlt. Ich glaube, man muss es wirklich selbst erlebt haben. Jedenfalls ist mir bei diesem Rundgang klar geworden, warum so viele Künstler und Intellektuelle diese Stadt zu ihrer Heimat gemacht haben. Natürlich, es ist zeitweise anstrengend, sich den Offerten der Händler zu entziehen. Aber es ist möglich, gefahrlos möglich! Marokko ist ein armes Land. Es verwundert also nicht, dass die Händler die Gelegenheit nutzen Touristen zu Käufen zu animieren. Manche Händler hatten auch einfach ihre Freude ihre Ware zu zeigen, anzupreisen und mich als ‚Ali Baba‘ zu verkleiden. Und ich hatte ebenso meine Freude, es wurde viel gelacht. Am Ende verließ ich das Geschäft ohne gekauft zu haben und hinterließ keinen enttäuschten Händler. Ich erlebte die Medina zweimal, zuerst an einem Donnerstag und dann am nächstenTag, dem Freitag. Für Muslime ist der Freitag, das, was für uns der Sonntag ist, will sagen, die Medina war nahezu ausgestorben. Was für ein Kontrast!

Am nächsten Tag engagierte ich einen Guide, um auch vor die Tore von Tanger zu kommen. Ich wollte unbedingt die Herkuleshöhle sehen, was allerdings nur mit einem Auto möglich ist. Mit Allal und seinem Fahrer Muhamed verbrachte ich einen wunderbaren Tag, gefüllt mit vielen Eindrücken.
Die Fahrt führte bergauf, ins Nobelviertel Tangers und weiter entlang an riesigen Palästen mit Wachen vor den Toren. Zunächst erreichten wir einen Aussichtspunkt, der einen Blick auf die weiten Strände bot. Nächster Halt war Cap Spartel, der Punkt, an dem sich Altlantik und Mittelmeer vereinigen.

Spass gab’s dann noch mal bei einem kurzen Ritt auf einem Dromedar, so was darf nicht fehlen, wenn man in Marokko ist 🙂

Schließlich erreichten wir die Herkuleshöhle. Laut Wikipedia galt die Höhle lange zeit als endlos. Man glaubte, sie sei das Ende eines „Ley-Tunnels“, der auf 24 km die Straße von Gibraltar unterquert und in die St. Michael’s Cave in Gibraltar mündet. Der Legende nach sollen so die Affen nach Gibraltar gekommen sein.

Der Mythologie zufolge  soll sich  Herakles vor seiner elften Arbeit in der Höhle aufgehalten und geschlafen haben. Er sollte die goldenen Äpfel im Garten der Hesperiden pflücken, der sich nach Meinung altgriechischer Schriftsteller nahe Lixus befunden haben soll.
Einigen römischen Quellen zufolge musste Herkules (Herakles) auf seinem Weg zum Garten der Hesperiden über den Berg Atlas. Doch statt ihn zu ersteigen, soll er seine übermenschlichen Kräfte genutzt haben, um mittendurch zu gehen. So entstand die Straße von Gibraltar, die das Mittelmeer mit dem Atlantik verbindet. Ein Teil des geteilten Berges ist Gibraltar, der andere ist entweder der Monte Hacho oder der Jbel Musa. Seitdem sind die beiden Berge als Säulen des Herkules bekannt.
Nach der griechischen Mythologie bot Herakles Atlas an, den Himmel zu tragen, während dieser die Äpfel aus dem Garten der Hesperiden (Atlas‘ Töchter) holt. Nachdem er mit den Äpfeln zurückgekehrt war, versuchte Atlas, Herakles auszutricksen. Er bot ihm an, die Äpfel selbst abzugeben. Jeder, der sich absichtlich den Himmel aufgebürdet hat, muss diesen tragen, bis er ihn von jemand anderem abgenommen bekommt. Herakles glaubte nicht, dass Atlas vorhatte, zurückzukommen. Somit hätte er den Himmel für immer tragen müssen. Er gab vor, mit Atlas‘ Angebot einverstanden zu sein. Jedoch bat er ihn, ihm den Himmel für einige Minuten abzunehmen, um seinen Mantel zu richten, mit dem er seine Schultern polsterte. Als Atlas darauf einging und den Himmel geschultert hatte, nahm Herakles die Äpfel und lief davon.

Die Höhle hat je einen meer- und landseitigen Eingang. Der zum Meer hin wird wegen seiner Form auch „Karte Afrikas“ genannt. Man nimmt an, dass er von den Phöniziern geschaffen wurde. Diesen werden auch einige augenförmige Markierungen an den Wänden zugeschrieben, die zu einer Karte der Umgebung gehören sollen.

Die Höhle selbst ist natürlichen Ursprungs. Aus ihren Wänden gewannen die Berber Rohlinge für die Herstellung von Mahlsteinen, was die Höhle erheblich erweiterte.

Auf der Rücfahrt nach Tanger kamen wir dann noch durch die Neustadt Tangers, die sich aber nicht unterscheidet von vielen anderen Großstädten.

Mit dem erreichen der Kasbah endet die Autofahrt, denn hier wird es vielerorts wieder so eng, dass Autos nicht durch die Starßen passen. Eine gute Gelegenheit dies zu Fuß zu machen. In diesem Stadtbereich gibt es viele schöne, wenn auch alte Häuser, die aufwendig durch wohlhabende Eigentümer instand gesetzt wurden. Insbesondere die Dachterrassen sind es, die einen herrlichen Blick auf die nahe Küste und den Hafen bieten.

Und schon sind zwei schöne Tage in Tanger vorbei. Am nächsten Morgen (23.01.16) brachte mich die Fähre wieder zurück nach Tarifa, wo es derzeit sehr windig (stürmig?!) ist. Das scheint hier öfter so zu sein, denn jetzt verstehe, warum dieser Ort so beliebt bei Kitesufern ist.